Berufsschule backstage

Ein Interview mit unserem Berufsgruppenbeauftragten Oliver Kleiser

Oliver Kleiser vom Walter-Eucken-Gymnasium (rechts) gab ausführlich Auskunft zu unseren Fragen

Einen Blick hinter die Kulissen der Berufsschule zu werfen – das war die Idee von Florian Lickert und mir. Dafür haben wir den Berufsgruppenbeauftragten „Bank“ des Walter-Eucken-Gymnasiums, Oliver Kleiser interviewt. Oliver Kleiser hat sich unseren kritischen Fragen gestellt und uns Antworten zu schulischen, aber auch allgemeinen wirtschaftlichen Themen gegeben.

Frage: Welche Zukunftsaussichten sehen Sie für den Ausbildungsberuf des Bankkaufmannes? Und wie könnte sich dieser durch die anhaltende Niedrigzinsphase entwickeln?

Oliver Kleiser: Sagen wir es mal so: Wir haben einen starken Rückgang der Auszubildenden feststellen müssen und das im gesamten Bundesgebiet. Vor rund 20 Jahren gab es rund 25.000 Auszubildende mehr in diesem Beruf. Wir am Walter-Eucken hatten einen kontinuierlichen Aufschwung an Azubis in den Jahren 2011 bis 2014 und dann zwei Jahrgänge, in denen die Anzahl deutlich eingebrochen ist. Während wir 2015 wieder den Stand von 2011 erreicht hatten, sind die Zahlen für dieses Jahr wieder zurückgegangen. Das betrifft nicht bestimmte Kreditinstitute, sondern ist ein allgemeiner Rückgang.

Ich denke es gibt hierbei zweierlei Probleme: Zum einen die Anzahl der Bewerber, die stark zurückgegangen ist, weil das Image vielleicht nicht mehr so positiv besetzt ist, wie noch vor der Finanzkrise. Und zum anderen fehlen den Banken teilweise die Voraussetzungen für das Ausbildungsangebot. Es gibt viele Betriebe, die gerne ausbilden würden, aber leider nicht können, weil eine bestimmte Qualität der Ausbildung natürlich einen Kostenfaktor darstellt. Im Vergleich zu meiner Zeit hat sich die „Kultur der Bankhäuser“ grundlegend verändert, was natürlich auch an den vielen Vorgaben und Auflagen liegt. Manchmal können Ausbildungsplätze aber auch einfach nicht besetzt werden, weil die vorhandenen Bewerber nicht ausreichend qualifiziert sind – das weiß ich aus Gesprächen mit vielen Kreditinstituten.

Frage: Was denken Sie über die Chancen und Möglichkeiten der Banken, in dieser Phase der Niedrigzinsen die Qualität der Ausbildung beizubehalten?

„Die duale Ausbildung funktioniert wirklich gut.“

Oliver Kleiser: Die Reaktion ist natürlich schon da: Die Anzahl der Auszubildenden ist deutlich zurückgegangen. Man denkt an den Kostenfaktor der Ausbildung und den zukünftigen Bedarf an Mitarbeitern. Es ist kein Geheimnis, dass die Nullzinspolitik ein Problem für die Banken darstellt. Ich denke allerdings auch, dass die deutschen Banken da wirklich sehr gut aufgestellt sind. Mit neuen Geschäftsmodellen und vielleicht auch mehr provisionsgestützen Geschäften halten die Banken dagegen. Dadurch stehen die deutschen Banken, was die Rationalisierungseffekte betrifft, im Vergleich zu anderen europäischen Banken sehr gut da. Zudem nimmt die Anzahl der Online-Geschäfte stark zu.

Frage: Denken Sie, dass das dennoch eine gute oder vielleicht die beste kaufmännische Ausbildung ist, die man absolvieren kann?

Oliver Kleiser: Die duale Ausbildung funktioniert bei uns wirklich sehr gut. An unserem Standort bilden momentan 16 bis 18 Banken aus. Die Kommunikation zwischen Schule und Betrieb ist wirklich sehr gut, vor allem mit den regionalen Banken. Die Wege zu den Ansprechpartnern sind da natürlich sehr kurz und man muss auch die Banken loben, die da wirklich einen sehr guten Job machen.

Auch die Auszubildenen, die nach der Ausbildung nicht bei der Bank bleiben – was ich keiner Bank wünsche – haben ein gewisses Rüstzeug dabei. Unter anderem das erlernten Wissen und die Fähigkeit der Kundenkommunikation. Insgesamt kann man sagen, dass das eine sehr gute Ausbildung ist und man diese jedem, der im kaufmännischen Bereich tätig sein möchte, nur empfehlen kann. Es gibt selten einen Beruf, der so viele Perspektiven bietet.

Frage: Aus welcher Motivation heraus haben Sie sich damals für eine Ausbildung bei einer Bank entschieden?

Oliver Kleiser: Durch mein Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium war natürlich schon ein Interesse an wirtschaftlichen Themen da, vor allem den Finanzbereich und die Börse fand ich spannend. Gleichzeitig war ich der Meinung, dass das eine grundsolide Ausbildung ist. Für mich war das auch eine Art Absicherung vor Beginn des Studiums, dass ich bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung hatte. Durch die ständigen Veränderungen in diesem Beruf wird dieser auch nie langweilig.

Frage: Warum haben Sie sich dem Beruf des Bankers abgewandt und unterrichten nun?

„Ich empfinde es als Privileg, mit jungen Leuten zu arbeiten.“

Oliver Kleiser: Das ist eine gute Frage. Es hat sich eigentlich einfach so ergeben. Ich hatte zwar die Option, wieder in der Bank anzufangen, wollte aber eher in den Bereich Steuerwesen. Wobei ich mir die Tätigkeit als Firmenkundenberater sehr gut vorstellen könnte. Die Vermittlertätigkeit zwischen Bank und Unternehmer ist sehr interessant. Das Unterrichten macht mir aber einfach Spaß.

Ich empfinde es als Privileg, als Lehrer mit jungen Leuten zu arbeiten. Aber auch das „am Ball bleiben“ im alten Beruf, sich ständig weiterzubilden und die ganzen Änderungen in dieser Branche mitzubekommen, finde ich sehr aufregend.

Frage: Was denken Sie, wie hat sich der Beruf konkret in den letzten Jahren (Jahrzehnten) verändert? Welche Unterschiede sehen Sie?

Oliver Kleiser: Die Ausbildung, die ich damals absolviert habe, war eine ganz andere. Die Ausbildung war eher traditionell und wir haben viel mehr kennengelernt. Die Zentralisierung der einzelnen Abläufe und Abteilungen gab es damals in der Form nicht. Die Abteilung Zahlungsverkehr war damals eine ganze Etage groß. Dort gab es dann Mitarbeiter, die zum Beispiel nur den Überweisungsein- und ausgang bearbeitet haben. Insgesamt war das viel umfassender und man musste noch sehr viel händisch rechnen.

Die größte Entwicklung jedoch ist wahrscheinlich die EDV beziehungsweise die Informationstechnik. Für alles gibt es heute Programme, die Aufgaben übernommen haben, welche wir früher noch selbst ausführen mussten. In meiner Ausbildung lernten wir auch noch die „Parkettbörse“ kennen. Heute wird der gesamte Handel an der Börse über elektronische Handelssysteme wie zum Beispiel XETRA geregelt.

Frage: Wie bewerten Sie die Zusatzqualifikation Finanzmanagement im Vergleich zur normalen Ausbildung zum Bankkaufmann?

Oliver Kleiser: Insgesamt werden die Finanzassistenten ein bisschen umfangreicher ausgebildet. Gerade durch Fächer wie Allfinanz und Steuerrecht. Ich fände es nicht schlecht, wenn die Bankkaufleute diese Fächer auch mitbekommen könnten. Themen wie Riester oder die Baufinanzierung werden deutlich tiefergehend behandelt und sind natürlich auch Bestandteil der ganzheitlichen Beratung, welche die Banken durchführen.

Frage: Wie gut werden wir Ihrer Meinung nach mit dem aktuellen Lehrplan und den Fächern auf unsere späteren Aufgaben vorbereitet?

„Für alles gibt es heute Programme, die Aufgaben übernommen haben, welche wir früher noch selbst ausführen mussten.“

Oliver Kleiser: Der Lehrplan selber ist schon etwas in die Jahre gekommen. Dennoch berücksichtigen wir als Lehrer immer die Aktualität und der Lehrplan ist auch so gefasst, dass man immer die Aktualität abbilden kann und flexibel arbeiten kann.

Frage: Zum Abschluss: Können Sie uns ein bisschen etwas über Ihren persönlichen Werdegang berichten und warum Sie heute das sind, was Sie sind, also Lehrer an einer Berufsschule?

Oliver Kleiser: Zu aller erst habe ich das Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium in Emmendingen absolviert. Danach habe ich auch eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht: Bei der damaligen Dresdner Bank von 1987 bis 1989 hier in Freiburg. Und ich war selbst auf der Berufsschule des Walter-Eucken-Gymnasiums.

Anschließend hat es mich nach Würzburg verschlagen: Dort habe ich BWL mit den Schwerpunkten Revision, Treuhandwesen und betrieblicher Steuerlehre studiert.
Nach dem Studium habe ich dann aber erst mal etwas völlig anderes getan: Meine Eltern hatten hier in Freiburg eine Bäckerei, in der ich schon als Jugendlicher ausgeholfen hatte. Innerhalb eines Jahres machte ich den Bäckermeister an der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule. Nachdem der elterliche Betrieb aufgegeben wurde, ging ich nach München und arbeitete für den Bayerischen Bäckerverband als betriebswirtschaftlicher Berater.

Frage: Klingt spannend. Wie kann man sich diesen Beruf vorstellen? Was waren Ihre Aufgaben?

Oliver Kleiser: Ich war dort für alle Bäckereien in Bayern zuständig. Zum damaligen Zeitpunkt hat mir das Autofahren noch Spaß gemacht, danach nicht mehr (lacht). Ich habe natürlich nicht alle rund 3.000 Bäckereien besucht, war aber in sehr vielen. Diese konnte mich anfordern, zum Beispiel für Zweigstellenbeurteilungen oder betriebswirtschaftliche Auswertungen.

Danach bin ich wieder zurück nach Freiburg gegangen. Dort machte ich das zweite Staatsexamen und unterrichte nun seit 2003 am Walter-Eucken-Gymnasium und seit 2006 den Bankbereich mit den Fächer SWL (Spezielle Wirtschaftslehre) und Rechnungswesen. Seit 2008 bin ich außerdem Berufsgruppenbeauftragter Bank und somit der direkte Ansprechpartner für die Betriebe.

Frage: Unterrichten Sie gerne Bankkaufmannsklassen?

Oliver Kleiser: Ja. Bankkaufmannsklassen sind sehr angenehme Klassen. Sowohl fachlich als auch menschlich (lacht).

Herzlichen Dank für das tolle Interview und die ausführliche Beantwortung unserer Fragen!

Autoren: Marvin Deimel und Florian Lickert

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